[BUCHREZENSION] Der Schein

Alina ist neu auf dem Internat Hoge Zand auf der kleinen Ostseeinsel Griffiun. Eines Nachts sieht Alina aus einem der Turmzimmer ein dunkles Schiff am Horizont, das seltsame Blitze über das angrenzende Naturschutzgebiet schießt. Auf der Suche nach Antworten trifft sie in den Dünen auf Tinka, der sie sich sofort auf unheimliche Weise verbunden fühlt. Das Mädchen mit der seltsamen Ausrüstung weiß viel mehr, als sie wissen dürfte und verschwindet immer wieder spurlos. Als Alina mit Hilfe der Lonelies, ihrer neuen Freundes-Clique, versucht, den Rätseln der kleinen Insel auf die Spur zu kommen, macht sie eine Entdeckung, die alles in Frage stellt, was sie jemals für wahr gehalten hat …
 ► Autor: Ella Blix ► Deutsche Originalausgabe ►Einzelband
► Verlag: Arena ► Seiten: 472► Gebundene Ausgabe 18€
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Der Schein ist der erste Roman aus der Feder eines Autoren-Duos, welches sich hinter dem Namen “Ella Blix” versteckt. Für mich war es der erste gemeinsame Roman der Autorinnen. Beim Lesen merkt man, dass zwischen den beiden einfach die Chemie gestimmt hat, denn der Roman ist abwechslungsreich, humorvoll und spannend beschrieben und wenn ich es nicht wüsste, würde ich niemals vermuten, dass hier zwei verschiedene Schriftstellerinnen am Werk sind – das finde ich absolut großartig und eine Erwähnung wert.
Als ich die ersten Seiten des Buches aufgeschlagen habe bin ich mit der Erwartung herangegangen, dass es sich hierbei um einen Jugendbuch Mystery-Thriller handel, aber die Geschichte hat einfach SO VIEL MEHR zu bieten. Mit jedem neuen Kapitel bin ich völlig in der Handlung versunken und konnte gar nicht mehr aufhören zu lesen. Selbst Wochen nach dem Beenden dieses Buches haben mich die Figuren und ihre Reise nicht mehr losgelassen. Für mich persönlich war “Der Schein” eines der besten Jugendbücher der letzten Jahre. In dieser Rezension möchte ich euch auch sagen, warum.
Zunächst einmal sind es besonders die Charaktere, welche diesen Roman tragen. Allen voran Protagonistin Alina, welche für ein halbes Jahr in ein Internat auf der Ostseeinsel Griffiun leben soll und der das so gar nicht in den Kram passt. Leider ist ihre Mutter schon lange tot und ihr Vater arbeitet sehr viel, weshalb es niemanden gibt, der sich um Alina kümmern kann. So wird sie aus ihrem gewohnten Umfeld gerissen und in ein neues Leben befördert. Normalerweise lassen Protagonistinnen wie Alina dann alles hinter sich: Der Freund entpuppt sich als Trottel, die beste Freundin wird vergessen usw. damit das Abenteuer losgehen kann, aber hier nicht. Hier wurde so vielen Klischees widersprochen, dass ich jedes Mal laut jubeln musste, wenn wieder eine tolle Stelle kam. Alina hat nämlich einen tollen Freund, den sie bis zum Schluss behält und eine beste Freundin, die sie unterstützt. Ella Blix zeigt, dass es auch ohne großes Drama und mit wahren Werten wie erste Liebe und Freundschaft tadellos funktioniert eine fesselnde Story zu schreiben.
Neben Alina gibt es ein ganzes Ensemble an unglaublich sympathischen, facettenreichen Figuren. Ich habe wirklich noch NIE in einem deutschen Jugendbuch so viele “diverse Figuren” vertreten gesehen. Diese wurden hier nicht einfach nur erwähnt, damit Randgruppen vertreten werden, sondern es waren allesamt Charaktere mit Persönlichkeit, die ich sehr ins Herz geschlossen habe. Dazu kommt, dass wir wirklich alle wichtigen Charaktere auch gut kennenlernen, sie eine eigene Geschichte zu erzählen haben und man uns hier eine starke Clique präsentiert, die sich füreinander und andere einsetzt. Es gab so einige Szenen, da wollte ich aufstehen und applaudieren, denn in diesem Roman werden verdammt viele Statements gesetzt, die 1) wirklich öfter in Jugendbüchern zur Sprache kommen sollten und 2) eine positive Vorbildfunktion für junge Leser haben! Und das alles ohne den “Fingerzeig”, sondern ganz locker in die Handlung integriert, als wäre es normal – und Himmel, JA! Es SOLLTE wirklich NORMAL sein, dass junge Menschen IHREN Weg gehen dürfen, ohne, dass man sie aufgrund ihrer Herkunft, sexuellen Orientierung und anderer Dinge, die ihr Leben ausmachen, verurteilt, mobbt oder ihren Wert herabsenkt.
Mal abgesehen von den tollen Figuren und Freundschaften war aber auch die Atmosphäre wundervoll. Diese schöne Insel – und Internatsstimmung hatten es mir total angetan! Ständig gab es neue Orte zu entdecken und die Legende um das “Geisterschiff” natürlich nicht zu vergessen. Was als Internatsgeschichte anfängt entwickelt sich bald zu etwas ganz anderem – Mysterien, Geheimnisse und seltsame Vorkommnisse halten den Leser und die Figuren ordentlich auf Trab. Mit jedem Kapitel werden neue Fragen gestellt und das große Ganze erschließt sich einem erst am Schluss – Vorhersehbarkeit? Nicht bei Ella Blix. Ich habe mir so viele Gedanken beim Lesen gemacht, mitgefiebert und gegrübelt und wurde am Ende trotzdem mit einer überraschenden Wende, die alles nochmal umdreht, total aus den Socken gehauen. Mir ist wirklich die Kinnlade runtergeklappt, denn mit vielen der Entwicklungen im Buch rechnet man absolut nicht. Hier trügt der Schein …
Dazu kommt, dass der Roman wahnsinnig gut geschrieben ist und man perfekt in Alinas Gefühlswelt abtauchen kann. In einer Mischung aus Gedanken, Gefühlen und Tagebucheinträgen werden hier viele Ängste, Sorgen und Träume von Teenagern beschrieben und laden zum Nachdenken und Mitfühlen ein. Ich fand, dass viele wichtige Dinge, wie z.B. Verlust sehr emotional und sensibel behandelt wurden und habe an einigen Stellen sogar ein paar Tränchen verdrückt, weil Hoffnung natürlich auch eine Rolle spielt. In mir hat das Buch sehr viel bewegt und ich fand die Botschaften zwischen den Zeilen auch oftmals sehr herzergreifend. Besonders gegen Ende war “Der Schein” die reinste Achterbahn an Gefühlen, die nicht so schnell wieder abebbt.
Das Buch besticht durch den Wechsel aus ruhigen, alltägliche Momenten, die jeden von uns beschäftigen und wir nachvollziehen können, aber auch spannenden Elementen, die beim Lesen nicht zulassen, dass man “Der Schein” aus der Hand legt. Immer dann, wenn man glaubt eine passende Stelle gefunden zu haben, kommen neue Ereignisse ins Rollen, welche die Geschichte voranbringen und neugierig machen. Was ist das Geheimnis der Insel? Was geschah damals mit Alinas Mutter? Gibt es das Geisterschiff wirklich? Wer ist das seltsame Mädchen, mit dem Alina sich auf magische Weise verbunden fühlt? Dies sind nur wenige der Fragen, die einen durch die Seiten fliegen lassen. Das Ende wird vermutlich nicht jeden überzeugen können, aber ich fand es wirklich originell und spannend inszeniert. Ehrlich? Ich würde liebend gern ein weiteres Abenteuer mit Alina & Co erleben!
Der Schein ist ein Jugendbuch, bei dem der Titel Programm ist: Hier trügt der Schein, aber sowas von! Internatsgeschichte trifft auf Mystery, mit packenden Wenden, überraschenden Geheimnissen und unzähligen jugendlichen Charakteren, die man durchweg sympathisch finden muss! Neben der eigentlichen Geschichten werden wichtige Themen behandelt, Werte wie Liebe, Freundschaft und Familie unglaublich schön umgesetzt und das Buch setzt mehrere Statements, die bestärkend sind und eine regelrechte Vorbild Funktion für junge Leser haben. Ohne unnötiges Drama, Intrigen und Verrat erzählt Ella Blix eine durchgehend spannende Story, deren Stärke sowohl im Erzählton, als auch Figuren und durchdachter Handlung liegt  – bitte mehr solcher Romane im Jugendbuch Genre!
Von mir gibt es volle Punktzahl!

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